Die Welt ist ihr Büro

Eva Hirschi ist eine digitale Nomadin. Sie kümmert sich bei Polarstern um sämtliche Social-Media-Aktivitäten und schreibt redaktionelle Beiträge für uns und unsere Kunden – dies jedoch selten aus der Schweiz. Ein Einblick in die Arbeit der Weltenbummlerin.

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Eva Hirschi | Kümmert sich bei Polarstern um die Social Media Kanäle.

Eva, du arbeitest schon seit mehreren Jahren für Polarstern und bist seit drei Jahren für die Social-Media-Kommunikation verantwortlich. Wie haben sich Bedeutung und Wahrnehmung dieser Kanäle in dieser Zeit verändert?
Die Algorithmen der verschiedenen Plattformen ändern sich ständig, das macht die Arbeit als Community Manager auch so spannend und abwechslungsreich. Früher hatten vor allem Bilder eine grosse Reichweite, heute sind es Videos. Auch haben sich einige Plattformen grundlegend verändert. Während Facebook früher vor allem ein Netzwerk für persönliche Kontakte war, ist es nun für viele User auch zu einer Informationsquelle geworden. Posts öffentlicher Seiten haben allerdings viel weniger Reichweite als früher; natürlich auch deswegen, weil deren Betreiber dazu verleitet werden sollen, Posts zu bewerben. Die Möglichkeit, Werbung zu schalten, hat diese Netzwerke stark verändert und kommerzialisiert. Gerade jüngere Generationen stören sich allerdings immer mehr daran und suchen Alternativen.

Wann und wie ist Social-Media-Kommunikation für ein Unternehmen wichtig?
Unternehmen und Organisationen können Social Media für verschiedene Zwecke nutzen: zur Vermarktung eines Produkts, um gewisse Themen oder Anliegen zu pushen oder auch zum Branding, wie es etwa Polarstern tut. Während früher vor allem die Anzahl Likes als Mass aller Dinge gewertet wurde, ist inzwischen die Qualität oft wichtiger als die Quantität. Man achtet darauf, genau sein Zielpublikum zu erreichen. Klassische Influencer sind in gewissen Bereichen schon wieder out, jetzt spricht die Branche von Micro- oder Nano-Influencer, die nicht so viele Fans oder Follower haben, dafür aber authentischer rüberkommen und einen richtigen Dialog mit ihrer Community führen. Das ist eine interessante Entwicklung.

Nebst deiner Social-Media-Affinität bist du auch leidenschaftliche Journalistin. Wie beeinflusst Social Media den Journalismus?
Die Möglichkeit, auf Social Media ganz einfach und schnell selbst Texte zu veröffentlichen und Fotos oder Videos hochzuladen, hat zu einer neuen Art von Bürgerjournalismus geführt. Nun ist es nicht mehr nötig, einem Medienhaus anzugehören oder eine eigene Website zu haben, man kann selbst – und sogar anonym – publizieren. Das macht den Journalismus sicher vielfältiger und stärkt die Meinungsfreiheit. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch Probleme, insbesondere was die Verbreitung von Fake News oder die Nicht-Einhaltung ethischer Grundsätze angeht. Nicht umsonst gibt es für Journalisten einen Journalistenkodex sowie vom Presserat publizierte Richtlinien zur «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten». Auch hat Social Media zu einem Überangebot an Informationen geführt, so dass viele Menschen weniger Zeit in den Konsum klassischer Medien investieren können oder wollen.

Interessiert sich der Social-Media-Leser für andere Themen als der Zeitungsleser? Welche Themen kommen im Moment besonders gut an?
Das schliesst sich ja nicht aus, man kann ein Nutzer von Social Media und von klassischen Zeitungen gleichzeitig sein. Ich denke, dass das Medium nicht unbedingt die Themen beeinflusst, jedoch das Leseverhalten. Auf Social Media suchen viele eher kurzweilige Unterhaltung, in Zeitungen hintergründige, lange Texte. Das kommt sicher auch daher, dass man auf Social Media nahezu ewig herunterscrollen kann, während man eine Zeitung irgendwann zu Ende gelesen hat. Selbst bei einer Website eines Mediums hat man irgendwann alle Artikel gelesen, die man interessant findet; auch, weil die Artikel oft nach Rubriken geordnet sind und man nur die anschaut, die einen interessieren. Auf Social Media sieht man aber nicht sofort, welche weiteren Posts vorhanden sind. Das kreiert diesen Suchteffekt, dass man immer weiterscrollen, aber nicht unbedingt lange beim gleichen Post verweilen will.

Du arbeitest als Freelancer, dein Büro ist unterwegs. Was ist der absurdeste Ort, an dem du jemals einen Artikel geschrieben hast?
Ich habe mich daran gewöhnt, von fast überall aus zu schreiben – meine Knie sind mein Schreibtisch, meine Arbeitszeit entspricht dem Akku des Laptops (oder zur Not des Smartphones). Ich habe auch schon in einer Bar in Hong Kong, auf einem Picknicktisch in Australien, in einer Hängematte in Nicaragua, am Boden eines überfüllten Zuges in Taiwan, am Strand in Malaysia oder in einem Taxi in Kolumbien gearbeitet. Das für mich absurdeste Erlebnis war wohl in einem Nachtbus in Myanmar, den Laptop wenige Zentimeter vor mir auf den Knien, als der Mann neben mir sich immer wieder zu meinem Bildschirm neigte, woraufhin ich die Schriftgrösse auf 7 hinuntersetzte, damit er nicht mitlesen konnte. Er wandte sich dann unverblümt an mich und meinte: «Das ist ja klein, jetzt kann ich gar nichts mehr lesen!» Manchmal wäre ein Büro sicher angenehmer.

Office with a view

Office with a view | In einem Dörfchen in China.

Leidet deine Arbeit darunter? Oder profitiert sie sogar?
Die Situation im Nachtbus war ziemlich nervig, aber die Methode mit der Schriftgrösse hat ja gewirkt und der Mann liess mich danach in Ruhe arbeiten – wohl auch, weil ich demonstrativ meine Kopfhörer aufsetzte. Generell arbeite ich aber tatsächlich lieber an Orten, an denen es Hintergrundgeräusche gibt wie etwa in einem Café. Ich finde das inspirierender als in einer mucksmäuschenstillen Bibliothek oder allein zu Hause. Auch mag ich keine Routine, ich arbeite lieber, wann ich Lust habe. Ich bin tendenziell ein Nachtmensch und schreibe lieber bis spät in die Nacht an einem Artikel, als am Morgen früh aufzustehen. Es ist eine Arbeitsweise, die wohl nicht allen entsprechen würde, da sie ein hohes Mass an Disziplin fordert, aber für mich ist es ein unglaubliches Privileg, das ich sehr zu schätzen weiss.

Hast du auch mal Feierabend?
Gute Frage! Ist surfen auf Social Media Arbeit oder Freizeit? Meistens beides – denn nur, wenn ich Social Media auch selbst regelmässig nutze, kann ich herausfinden, was die aktuellen Trends sind, welche Themen die Menschen bewegen, welche Inhalte viral gehen und welche nicht. Mit Polarstern posten wir oft auch Medien- oder Fachartikel zu aktuellen Themen der Nachhaltigkeit und der Kommunikation, um uns als nachhaltige Kommunikationsagentur zu positionieren und für unsere Community interessante Themen zu kuratieren – dass mich diese Themen auch privat interessieren, ist natürlich ein grosser Vorteil. Und auch als Journalistin hat man eigentlich ständig die Fühler nach neuen Geschichten ausgestreckt, meistens sogar unbewusst. Es kommt oft vor, dass ich beim Gespräch mit einer Person plötzlich denke, oh, über dieses Thema könnte ich vielleicht einen Artikel schreiben.

Wohin geht die nächste Reise?
Zuerst für eine Studienreise nach Sierra Leone und dann für eine Recherche nach Weissrussland. Entweder suche ich mir nette Cafés mit schnellem Wifi oder kaufe mir – wie so oft, wenn ich länger in einem Land bleibe – eine lokale Sim-Karte, so dass ich mit einem Hotspot von überall aus arbeiten kann. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich meine Reisen mit meiner Arbeit vereinen kann.

Flexibel muss man sein

Flexibel muss man sein | In einem überfüllten Zug in Taiwan.

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