«Wer viele konkrete Massnahmen umsetzt, kriegt damit auch automatisch gute Inhalte für die Kommunikation.»

Marianne Beeler hat mit ihrer Diplomarbeit zum Thema Nachhaltigkeit in der Hotellerie den Stiftungspreis Hans Schellenberg gewonnen. Für ihre Arbeit hat sie auch Gründer und Partner von Polarstern, Andreas Renggli, interviewt.

 

Nachhaltiger Tourismus

Experteninterview | Wie kann die Hotellerie die Nachhaltigkeitsthematik umsetzen? Antworten von Andreas Renggli im Interview. Bild: Adobe Stock. 

 

Ein Auszug der Diplomarbeit von Marianne Beeler:

«Am 1. September 2020 habe ich am Innovationsforum SGES in Winterthur teilgenommen und mit grossem Interesse die von Andreas Renggli anmoderierten Changemaker-Impulse mitverfolgt. Andreas Renggli ist Kommunikationsberater und Partner der Polarstern AG mit Sitz in Luzern und Solothurn. Die Polarstern AG unterstützt Unternehmen und Organisationen, die sich für ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachhaltigkeit engagieren.

Marianne Beeler: Welche globalen Trends sehen Sie bezüglich Nachhaltigkeit in den nächsten 5 Jahren auf die Schweizer Hotellerie zukommen?

Andreas Renggli: Branchenübergreifend spüre ich die Entwicklung hin zu einem strategischen Nachhaltigkeitsmanagement und weg von isolierten Einzelmassnahmen. Für die Hotellerie heisst das konkret: Hinweise, dass Frotteewäsche nicht jeden Tag gewechselt wird, oder ein Elektrovelo zur Mitbenützung sind gut, machen einen Betrieb aber noch nicht per se nachhaltig. Wer sich also auf Nachhaltigkeit ausrichtet und entsprechend wahrgenommen werden will, muss das inzwischen schon ziemlich durchdacht machen.

Marianne Beeler: Wie wichtig ist die Nachhaltigkeitskommunikation im Hinblick auf die 17 SDGs der Agenda 2030 für die Tourismusbranche?

Andreas Renggli: Die SDGs können für einen Betrieb ein stimmiges Element sein, um die eigenen Massnahmen in einen globalen Kontext einzubetten. Die Verbindung muss jedoch klar und leicht verständlich sein. Ansonsten entsteht schnell der Eindruck, dass da jemand einfach ein paar SDGs hinsetzt, damit ein Eindruck von Nachhaltigkeit vermittelt wird.

Marianne Beeler: Laut Nachfrage bei der HotellerieSuisse wurden die Monitoring Berichte zur Nachhaltigkeitsperformance seit 2016 eingestellt, da sie kaum nachgefragt wurden. Wie erklären Sie sich das in einer Zeit, wo doch Nachhaltigkeit DAS Zukunftsthema für unsere Gesellschaft ist?

Andreas Renggli: Ich habe den letzten Monitoringbericht kurz überflogen. Er zeichnet ja ein übergreifendes Bild zum Stand der nachhaltigen Entwicklung in der Schweizer Hotellerie. Ich frage mich, wer da die Zielgruppe gewesen sein soll. Vielleicht die Hoteliers, aber für die ist die aggregierte Entwicklung in ihrer Branche ja nicht sehr relevant. Sprich: Der Bericht hat wohl sein Ziel bzw. seine Zielgruppe verfehlt.

Wenn HotellerieSuisse seine Mitglieder unterstützen will, geschieht dies aus meiner Sicht besser mit Wissen und Werkzeugen, wie ein Betrieb seine Nachhaltigkeit verbessert und dieses Engagement auch besser kommuniziert. Gefragt sind aus meiner Sicht also ganz praktische Hilfestellungen. Hinzu kommt das allgemeine Paradox, dass der Klimawandel offensichtlich ist und wir uns trotzdem nicht mit der nötigen Vehemenz dagegen wehren bzw. komplexe Informationen zu diesem Thema, wie ein solcher Monitoringbericht, einfach verdrängen bzw. ausblenden.

Marianne Beeler: Welche Chancen sehen Sie durch die Implementierung von Nachhaltigkeitszertifikaten für die Schweizer Hotellerie – kurz-, mittel-, langfristig?

Andreas Renggli: Kurzfristig verlangt es von den Betrieben zwar einen zusätzlichen Effort, um eine Zertifizierung zu meistern. Und das ist in der aktuellen COVID-19-Pandemie natürlich schwierig. Doch ein Zertifizierungsprozess ist auch ein Katalysator. Er zwingt einen zu einer strategischen Ausrichtung und konkreten Massnahmen. Und das kann einem Betrieb helfen, sich in der aktuellen Situation neu zu positionieren.

Langfristig kann ein Zertifikat dazu beitragen, sich von anderen Anbietern im In- und Ausland abzuheben. Und ich denke es ist auch so, dass zertifizierte Betriebe langfristig erfolgreicher sind, weil sie sich aufgrund des Zertifikats intensiver mit dem eigenen Betrieb auseinandersetzen als andere.

Marianne Beeler: Erachten Sie Nachhaltigkeit als einen Erfolgsfaktor bzw. ist Nachhaltigkeit ein Erfolgsfaktor in der Schweizer Hotellerie?

Andreas Renggli: Ja, auf jeden Fall und zunehmend. Speziell für Betriebe, die sich, evtl. verstärkt durch die COVID-19-Pandemie, wieder stärker auf Gäste aus dem Inland ausrichten.

Marianne Beeler: Wie dringend erachten Sie die Umsetzung der Nachhaltigkeitsthematik?

Andreas Renggli: Ich erachte das als sehr dringend. Und zwar nicht einfach, weil es aufgrund des Klimawandels nötig ist, sondern weil ich aktuell grosse gesellschaftliche Veränderungen wahrnehme.

Marianne Beeler: Wie gut gelingt die Umsetzung?

Andreas Renggli: Bei der konsequenten Umsetzung von Nachhaltigkeitsmassnahmen gibt es sicher noch grossen Bedarf. Umweltzertifikate sind wie gesagt ein gutes Instrument dazu, aber zwingend sind sie ja nicht. Es gibt auch Betriebe, die sich stark für die Nachhaltigkeit engagieren, das aber nicht zertifizieren lassen.

Marianne Beeler: Ein Drittel der Befragten sagen aus, dass Gäste, die auf Nachhaltigkeit Wert legten, keine Informationen zu nachhaltigen Angeboten von ihrem Hotelunternehmen erhielten. Nur 1 von 4 Hotelbetrieben hat auf der Webseite Informationen zum Thema Nachhaltigkeit aufgeschaltet. Wie kann man Hoteliers und Hotelièren überzeugen, dass die Kommunikation zur Nachhaltigkeitsperformance wichtig ist und immer wichtiger wird?

Andreas Renggli: Das frage ich mich manchmal auch. Generell habe ich den Eindruck, dass viele Hoteliers ihre Funktion als Gastgeber und Gastgeberinnen in der virtuellen Welt nicht richtig wahrnehmen. Ich staune beim Besuch von Hotel-Websites immer wieder, wie wenig Informationen es teilweise gibt: keine Informationen zu Öffnungszeiten und Verfügbarkeiten, spärliche Bilder der Zimmer, wenig Informationen zu zusätzlichen Angeboten wie Sauna etc., kaum Informationen zur Verpflegung und so weiter. Oder von wie vielen Hotels kriege ich einige Zeit nach meinem Besuch eine Erinnerung, dass ich wieder mal buchen könnte/sollte? Von praktisch keinen.

Ich habe das Gefühl, dass viele noch immer denken, dass die Gäste einfach so kommen. Das ist also eher ein allgemeines Kommunikationsproblem als ein Problem der Nachhaltigkeitskommunikation. Man müsste den Betrieben aufzeigen, welchen Unterschied eine gute Online-Präsenz machen kann.

Marianne Beeler: Nicht wenige sind der Ansicht, dass Nachhaltigkeit gelebt werden muss, und dass dies die beste Marketingstrategie für Nachhaltigkeit wäre. Teilen Sie diese Ansicht?

Andreas Renggli: Ja, das ist sicher so: Wer das innere Feuer für eine gute Sache hat, engagiert sich in jedem Fall deutlich mehr und intensiver mit dem Thema. Und wer viele konkrete Massnahmen umsetzt, kriegt damit auch automatisch gute Inhalte für die Kommunikation. Aber man kann zum Thema Nachhaltigkeit auch vorwärts machen, wenn man keine grosse Begeisterung dafür spürt. So wie man im eigenen Betrieb auch für Sauberkeit sorgt, auch wenn man selbst keinen Putzfimmel hat. Einfach weil es das braucht, und weil es die Gäste erwarten.

Marianne Beeler: Wie können Hotel-Unternehmer*innen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeitskommunikation auseinandersetzen möchten, vorgehen, um Gäste, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, vermehrt für sich zu gewinnen?

Andreas Renggli: Im Zentrum stehen ganz klar konkrete Taten. Jede Massnahme fügt sich als Puzzleteil zu einem Gesamtbild der Nachhaltigkeit zusammen. Man muss diese Puzzleteile immer wieder zeigen. Auf der Webseite, auf Social Media, in einem Newsletter, mit Hinweisen im Betrieb (z. B. für lokale und biologische Lebensmittel, den Einsatz von erneuerbarer Energie etc.).

Neben den betrieblichen Massnahmen, um den eigenen ökologischen Fussabdruck zu verkleinern, werden aus meiner Sicht jene Massnahmen, die die Kundinnen und Kunden betreffen, immer wichtiger. Denn die wollen zunehmend ein von Nachhaltigkeit geprägtes Ferienerlebnis: Zum Beispiel mit vegetarischer und veganer Ernährung, natürlichen Materialien in der Einrichtung, ökologischer Mobilität vor Ort etc. Und genau solche Angebote lassen sich wiederum sehr gut für die eigene Positionierung und die Kommunikation mit potenziellen Gästen einsetzen.

Marianne Beeler: Vielen Dank, Herr Renggli, für Ihre Antworten

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