Studie zu SDGs: So (un-)bekannt sind die UN-Nachhaltigkeitsziele

Tausende Menschen weltweit wurden in einer globalen Studie zu den UN-Nachhaltigkeitszielen SDGs befragt. Die Resultate sind überraschend – und stimmen nachdenklich. Polarstern, offizieller Unterstützer des Global Survey, liefert einen Überblick.

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Erste weltweite Studie | Der Global Survey zeigt zum ersten Mal, wie die SDGs auf der ganzen Welt wahrgenommen werden. 

Die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung in einer komplexen, globalisierten Welt nehmen weltweit zu. Im Jahr 2015 verabschiedete die UN-Vollversammlung deshalb die Agenda 2030 mit 17 ausformulierten Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, die sogenannten UN Sustainable Development Goals (SDGs). Die 17 SDGs mit ihren 169 Unterzielen stellen in diesem Zusammenhang einen hilfreichen Orientierungsrahmen für alle relevanten Akteure dar.

So sollen etwa Hunger und Armut weltweit beseitigt werden, sauberes Wasser und nachhaltige Energie für alle zur Verfügung stehen und die Bildung sowie Geschlechtergerechtigkeit gefördert werden. Auch soll beim Bau von Infrastruktur darauf geachtet werden, dass dadurch nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht und Innovation gefördert wird oder dass nachhaltig produziert und konsumiert wird.

Polarstern als offizieller Unterstützer

In den letzten fünf Jahren ist diesbezüglich viel geschehen, auf nationaler, aber auch supranationaler Ebene. Doch was nimmt die Bevölkerung davon war? Und was bewegt sie, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht? Diesen Fragen ging die erste weltweite Umfrage «Global Survey on Sustainability and the SDGs» nach. Zwischen September 2018 und Juni 2019 befragte das Global Survey rund 27’000 Personen in 174 Ländern. Das Interessante: An der Umfrage nahmen sowohl Privatpersonen als auch Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und der Zivilgesellschaft teil.

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Antworten nach Alter und Bildung | Die Befragten waren eher jung und gut gebildet. Quelle: Ergebnisbericht Global Survey

Um diese breite Zielgruppe zu erreichen, wurde die Befragung in 18 Sprachen über verschiedene Kanäle gestreut. Zudem konnten mehr als 250 Organisationen als freiwillige Unterstützer gewonnen werden, darunter auch unsere Kommunikationsagentur Polarstern. Ziel war es, die Umfrage in den jeweiligen Netzwerken weiterzuverbreiten. Diese Unterstützung haben wir deshalb angeboten, da für unsere Arbeit als auf Nachhaltigkeit spezialisierte Kommunikationsagentur solche Themen zentral sind und uns auch der Prozess zur Erreichung dieser Ziele interessiert.

Ernüchternde Resultate

Die nun publizierten Resultate nach fünf Jahren SDGs stimmen nachdenklich: Zwar sind Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel in allen Teilen der Welt relevant und das Wort «Nachhaltigkeit» mitunter ein Trendwort, doch die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Nachhaltigkeitsziele bei der Bevölkerung nur wenig oder gar nicht bekannt sind. Weniger als die Hälfte der Befragten weltweit kennt die SDGs.

Was allerdings Hoffnung weckt: Die Mehrheit der Befragten berücksichtigt Nachhaltigkeit bei Konsumentscheidungen und bei der Ernährung; bei der Wahl von Transportmitteln und bei politischen Wahlen sind es etwas weniger als die Hälfte. Nicht nur privat, auch in der Arbeit ist Nachhaltigkeit ein Thema. So wird in Europa bei der Stellensuche stark auf Nachhaltigkeitsaspekte des potenziellen Arbeitgebers geachtet – der Nachhaltigkeitsfokus rangiert unter den häufigsten genannten Aspekten bei der Wahl eines Arbeitsgebers.

Interessant ist auch der Unterschied der Themengewichtung bei den verschiedenen Generationen: Junge Menschen priorisieren Massnahmen zum Klimaschutz, ältere Generationen eher Gesundheit, Bildung oder Biodiversität. Um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, sehen die Befragten alle Sektoren in der Verantwortung – allen voran jedoch Regierungen, aber auch den Privatsektor, Forschungseinrichtungen, NGOs und die Medien.

SDGs in der Wirtschaft

Im Bereich der Wirtschaft sieht man den dringendsten Handlungsbedarf gemäss Befragung in verantwortungsvollen Konsum- und Produktionsmustern (SDG 12), in Massnahmen zum Klimaschutz (SDG 13) sowie in der Industrie, der Innovation und der Infrastruktur (SDG 9). Die Mehrheit der Unternehmen setzt sich Ziele mit Bezug zu den SDGs. Allerdings wird der Fortschritt in Bezug auf die gesetzten Ziele noch ohne SDG-Bezug gemessen.

 

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Welche SDGs erfordern die dringendsten Massnahmen? | In der Wirtschaft sieht man den grössten Handlungsbedarf bei verantwortungsvollen Konsum- und Produktionsmustern. Quelle: Ergebnisbericht Global Survey

 

Um eine positive Entwicklung zu fördern, seien Partnerschaften zwischen Unternehmen und Regierungen bzw. Politik und Verwaltung bedeutend. Befragte aus Politik und Verwaltung und der Privatwirtschaft nannten privatwirtschaftliche Akteure als wichtigste Partner.

SDGs in der Politik

Verglichen mit den Befragten aus der Privatwirtschaft schätzen die Befragten aus der Politik und dem öffentlich-rechtlichen Sektor den Bekanntheitsgrad von Nachhaltigkeit und den SDGs noch niedriger ein. Nur internationale politische Organisationen haben gemäss den Befragten ein Bewusstsein für das Konzept der Nachhaltigkeit. Für alle anderen Bereiche fällt das Ergebnis negativ aus, auch, was die Bekanntheit der SDGs betrifft.

 

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Wahrgenommener Bekanntheitsgrad im politischen Sektor | Generell sind die SDGs wenig bekannt, auf nationaler oder lokaler politischer Ebene noch weniger. Quelle: Ergebnisbericht Global Survey

 

Der dringendste Handlungsbedarf wird in der Umsetzung von Nachhaltigkeit in der politischen Agenda gesehen, gefolgt von der anschliessenden Durchsetzung, wie etwa durch die Implementierung von Gesetzen und Vorschriften. Die Befragten aus Politik und Verwaltung gaben an, dass nachhaltige Städte und Gemeinden (SDG 11) und verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster (SDG 12) sowie Klimaschutz (SDG 13) für ihren Sektor oberste Priorität haben.

SDGs in der Zivilgesellschaft

In der Zivilgesellschaft werden sowohl das Konzept der Nachhaltigkeit als auch die SDGs laut den befragten Vertretenden noch als weitestgehend unbekannt eingeschätzt. Auch hier stehen im Bereich der Nachhaltigkeit vor allem Klimaschutz (SDG13) und verantwortungsbewusster Konsum und Produktion (SDG12) an erster Stelle, gefolgt von hochwertiger Bildung (SDG4) und nachhaltigen Städten und Gemeinden (SDG11).

 

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Welche SDGs erfordern die dringendsten Massnahmen? | Die Zivilgesellschaft sieht den grössten Handlungsbedarf im Klimaschutz und im nachhaltigen Konsum/Produktion. Quelle: Ergebnisbericht Global Survey

Um diese Ziele zu erreichen, setzen die Vertreterinnen und Vertreter – ähnlich wie diejenigen aus Politik und öffentliche Verwaltung – auf diverse Massnahmen. Allerdings wird hier dem politischen Agenda-Setting die tiefste Bedeutung beigemessen. Dies könnte gemäss Studie darauf hindeuten, dass Teile der Zivilgesellschaft lediglich bereit sind, innerhalb bestehender Rahmen und Systeme zu arbeiten, anstatt neue Handlungsoptionen zu schaffen. Viel mehr sieht die Mehrheit der Befragten die Aufgabe der Zivilgesellschaft darin, Kontrolle und Druck auf die Gesetzgebung und Wirtschaft auszuüben und somit als «Watchdog» in der Gesellschaft zu agieren.

Was jetzt?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die SDGs einen noch sehr tiefen Bekanntheitsgrad haben. In der Wirtschaft spielen die SDGs bislang eine etwas stärkere Rolle als etwa in der Politik, in der Forschung oder in der Zivilgesellschaft. Deshalb rät die Studie zu einer breiten Aufklärungskampagne auf Grundlage der Agenda 2030. Auch könnten Regierungen in Kooperation mit Bildung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Medien spezifische Initiativen in ihren Ländern gründen, welche geeignete Konzepte zur Verbreitung der SDGs mit praktischen Empfehlungen für den Alltag entwickeln und umsetzen.

Eine weitere Erkenntnis der Studie – wie auch ein Kritikpunkt – ist, dass die konkreten 169 Unterziele nur schwer für die Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Lehre nachvollziehbar sind, da sie sich inhaltlich fast ausschliesslich an Regierungen richten. Dieser Mangel könnte dadurch behoben werden, dass spezifische Ziele für zusätzliche Sektoren formuliert werden, die den Beitrag des jeweiligen Bereichs benennen.

 

Zum Global Survey: Der Global Survey wurde von der Regierung der Bundesrepublik Deutschland (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) im Rahmen der «Exportinitiative Umwelttechnologien» finanziert und von der auf Nachhaltigkeit spezialisierten Beratung Schlange & Co. konzipiert und durchgeführt. Das Center for Business and the Environment (CBEY) der Yale University war als akademischer Partner für die wissenschaftliche Begleitung beauftragt.

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