«Ich mag klare Ansagen»

Michel Tschanz hat von April 2021 bis Januar 2022 bei Polarstern ein Praktikum absolviert. Michel ist gelernter Polygraf und Autismus-Betroffener. Im Interview spricht er über die Freude am Beruf des Polygrafen, seine Reaktion auf die späte Autismus-Diagnose sowie über die Erfahrungen, die er aus dem Praktikum bei Polarstern mitnimmt.

 

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Im Gespräch | Michel Tschanz spricht über seine Leidenschaften: Grafik und Musik. Bild: Polarstern AG

 

Michel, du hast Polygraf gelernt. Was gefällt dir an diesem Beruf?

Der Beruf des Polygrafen ist sehr kreativ, was mir wichtig ist. Für mich ist Grafik eine Kunstform, genau wie die Musik und diese spielt in meinem Leben ebenfalls eine grosse Rolle. Gestaltung fasziniert mich und deshalb habe ich mich über die Lehre hinaus sehr stark damit auseinandergesetzt, habe Druckereien besucht, Tutorials geschaut und mir vieles autodidaktisch beigebracht.

Wo hast du deine Lehre gemacht?

Ich habe die Lehre zum Polygrafen bei der Asperger AG gemacht und sie mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abgeschlossen. Die Asperger AG bietet, wie der Name erahnen lässt, geschützte Arbeitsplätze für Autismus-Betroffene an. Ziel der Asperger AG ist es jedoch, finanziell unabhängig zu werden, weshalb sie einen Grossteil der Aufträge auf dem freien Markt akquiriert.

Wann wurdest du mit Autismus diagnostiziert und wie war das für dich?

Ich wurde erst vor neun Jahren, das heisst im Alter von 23, mit Autismus diagnostiziert. Die Diagnose kam so spät, weil ich zuvor vieles gut kompensieren konnte. Erst im Arbeitsalltag, während meiner Erstlehre zum Metallbauer, gelang mir dies nicht mehr. Zuerst konnte ich dennoch nicht so richtig glauben, dass ich Autist bin, denn ich wusste, dass man Autist:innen fehlende Empathie nachsagt. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich bin sehr empathisch; was mich oftmals selbst überfordert. Neuere Studien zeigen auch, dass Autist:innen zwar in ihrer kognitiven Empathie, das heisst beim Erkennen der Gefühle anderer, nicht aber in ihrer emotionalen Empathie, das heisst beim Mitfühlen mit anderen, eingeschränkt sind. Rückblickend war die Diagnose trotz allem eine Erleichterung, da ich dadurch Unterstützung im Berufsleben und Alltag erhalte.

Welches sind besondere Herausforderungen für dich im Arbeitsalltag?

Eine grosse Herausforderung ist die Konzentration. Ich kann mich nicht gut von der Umwelt distanzieren und kämpfe deshalb oft mit Konzentrationsschwierigkeiten. Eine weitere Herausforderung ist das Zwischenmenschliche. Gespräche, die nicht rein sachlich sind oder die von Mimik begleitet werden, die ich nicht deuten kann, beschäftigen mich über das Gespräch hinaus und lösen viele Gedanken in mir aus. Ganz grundsätzlich reagiere ich sehr sensibel auf verschiedenste Reize und der Umgang damit, das Kompensationsmanagement quasi, ist sehr anstrengend. Es ist deshalb wichtig, dass ich achtsam mit meinen Ressourcen umgehe und frühzeitig reagiere, wenn alles zu viel wird.

Gibt es auch Dinge, die dir aufgrund des Autismus leichter fallen als anderen Menschen?

Ich erkenne Systeme und Strukturen sofort. Das ist eine typische Stärke von Autismus-Betroffenen. Es fällt mir auch leichter als vielen anderen Menschen, einen neutralen Blick auf die Dinge zu bewahren, ohne gleich auf weitere Dinge zu schliessen und zu werten. Und zuletzt kann man mit mir über alles, wirklich alles reden.

Welche Anforderungen müssen im Arbeitsumfeld gegeben sein, damit du gut arbeiten kannst?

Ich brauche klare Aufträge mit klaren Ansagen, denn ich kann nicht gut zwischen den Zeilen lesen. Daneben braucht es vom Arbeitgeber viel Flexibilität, da mir manchmal alles zu viel wird und ich zuerst wieder herunterfahren muss und auch weil ich teilweise für Aufträge länger oder mehr Begleitung brauche. Wichtig ist für mich auch ein Umfeld, das nicht allzu stark wertet. Bei Polarstern habe ich viel Flexibilität und Offenheit erlebt und mich deshalb wohl gefühlt.

Wieso hast du dich für ein Praktikum bei Polarstern beworben?

Ich habe bereits zwei Praktika im ersten Arbeitsmarkt gemacht; eines in einer Kunstgalerie und eines in einer Druckerei. Gerne wollte ich noch ein drittes Praktikum im ersten Arbeitsmarkt absolvieren. Ich habe mich deshalb gefreut, dass ich bei Polarstern zusätzlich noch Erfahrungen in einer Agentur sammeln konnte.

Welche Aufgaben hast du während des Praktikums bei Polarstern übernommen?

Ich habe Korrekturen im InDesign umgesetzt, Bilder mit Photoshop bearbeitet und Diagramme im Illustrator überarbeitet.

Was hat dir im Praktikum gefallen?

Besonders gefiel mir, dass ich sehr herzlich empfangen wurde. Es war auch interessant in einem solch sprachaffinen Umfeld zu arbeiten, da mich Sprache und Kommunikation faszinieren. Ich konnte viele spannende Gespräche führen. In Bezug auf meine Aufgaben hat mir das Befüllen des Templates mit Text und Bildern für die SwissShrimp-Rezepte besonders gefallen. Das coole Design mit den blauen Wellen gefällt mir persönlich sehr gut und ich esse auch gerne Shrimps.

Was war die grösste Herausforderung im Praktikum?

Die grösste Herausforderung für mich und Polarstern war aus meiner Sicht, Lösungen zu finden, die auf meine Autismus-spezifischen Bedürfnisse Rücksicht nehmen, ohne dass ich dabei eine allzu starke Sonderbehandlung erhalte.

Was kannst du aus dem Praktikum für deine Zukunft mitnehmen?

Ich habe durch meine Erfahrungen im ersten Arbeitsmarkt ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt, wann es mir zu viel wird, und weiss heute, dass ich mir frühzeitig eine Auszeit gönnen muss, damit ich schneller wieder runterfahren kann. Ich nehme auch viel neues Wissen zum Thema Kommunikation aus meinem Praktikum bei Polarstern mit.

Wie tankst du Energie in deiner Freizeit?

Wenn ich emotional überladen bin, kann ich meine Emotionen mit Musik rauslassen. Ich spiele Klavier und komponiere selbst Stücke. Das Klavier ist für mich zugleich Ventil und Energie- sowie Heilquelle. Daneben helfen mir auch Videospiele. Spielen tut mir gut, wenn ich von der Reizüberflutung überfordert bin. Im Spiel kann ich mich in einfältige Gefilde flüchten und mich gut wieder beruhigen.

Welche Zukunftspläne hast du?

Mein Ziel ist es, weiter am Ball zu bleiben. Ich möchte in einem Job ankommen, Stabilität erlangen, mich aufgehoben fühlen. Die genaue Tätigkeit ist dabei zweitrangig.

Interview: Julia Gremminger

 
Lieber Michel

Das ganze Polarstern-Team wünscht dir von Herzen alles Gute auf deinem weiteren Weg. Du hast uns mit deiner Offenheit, deiner Neugier und deinem Blick auf die Welt inspiriert. Und du hast uns daran erinnert, wie unerlässlich eine klare Kommunikation ist, insbesondere in einem solch dynamischen Umfeld wie demjenigen einer Agentur.

Besten Dank für dein Engagement und wie sagt man so schön: «Don’t be a stranger!»

Jörg Bruppacher
Partner und Gestalter, Polarstern AG

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